Als Jugendliche hat man selten die Chance, zeitgenössische klassische Musik zu hören. In den Massenmedien ist diese Art der Musik nicht präsent, in den Vorschlagsalgorithmen der Streamingdienste kommt sie nicht vor und, um ein Konzert zu besuchen, fehlt oft Wissen und nicht selten auch die Motivation. Denn: Zeitgenössische Musik ist anspruchsvoll zu hören. Sie unterlaufen unsere Erwartungen an Harmonie und Rhythmik und an eingängige Melodien. Häufig mischt sie musikalische Traditionen unterschiedlicher Herkunft. Um sie zu schätzen, braucht man daher Wissen.
Die fortgeschrittenen Musik-Schüler der DSTY hatten Gelegenheit, sich dieses Wissen im Rahmen eines Lehrkonzerts mit den Musikern Masanori Oishi und Mayumi Miyata sowie dem Komponisten Toshio Hosokawa am 13. Januar 2025 in der Aula der Schule anzueignen.
Ein Lehrkonzert ist ein Konzert, bei dem neben der Musik auch Hintergrundinformationen zu den Stücken und deren Aufführung gegeben werden, um den Zuhörerinnen und Zuhörern einen Zugang zur Musik zu eröffnen. Dafür werden der Aufbau und die Struktur der Stücke erläutert, zentrale Instrumente vorgestellt und die Aufführungspraxis erklärt.
Ein gelungenes Lehrkonzert schließt an das Vorwissen der Zuhörer an. Bei den Schülern der DSTY war dies eher begrenzt, sowohl im Hinblick auf Kompositionsprinzipien zeitgenössischer Musik als auch im Hinblick auf die Spezifik der Instrumente. Umso wichtiger waren die interaktiven Elemente, nämlich selbst Fragen an Musiker und Komponisten stellen zu können, die trotz ihrer Berühmtheit gern Rede und Antwort standen.
Der Komponist Toshio Hosokawa ist ein japanischer Vorreiter der zeitgenössischen klassischen Musik. Er ist weltweit berühmt und nimmt Aufträge von verschiedenen Orchestern und Opern an, darunter auch die Berliner Philharmoniker. Auch der Saxophonist Masanori Oishi und die Sho Spielerin Mayumi Miyata sind weltweit bekannt, sowohl in der klassischen als auch in der zeitgenössischen Musik. Die Zusammenstellung der Instrumente zeigt bereits, dass im Konzert unterschiedliche musikalische Traditionen miteinander ins Gespräch kommen sollten.
Die Veranstaltung begann mit dem Stück Spell Song, das wegen seiner ungewöhnlichen Melodik eine besondere Spannung im Saal erzeugte. Anschließend folgte das Interview mit dem Komponisten, bei dem Einblicke in die Entstehung und Hintergründe des Werks vermittelt wurden. Danach wurde das Stück Sakura präsentiert, ein traditionelles japanisches Stück, das – von Herrn Hosokawa umgeschrieben – auf der Sho solistisch interpretiert wurde. Im Anschluss daran erfolgte die Vorstellung der Instrumente. Den Abschluss bildet das Werk 明暗 (Meian), welches das Konzert auf eindrucksvolle Weise beendete.
Im ersten Stück Spell Song hielt der Klang des Saxophons ununterbrochen an und wechselte dabei sanft zwischen leisen und lauten Tönen. Vor allem an anspruchsvollen Passagen und besonderen Spielarten wie slap tongue, bei dem ein ploppender Ton entsteht, zeigte sich die technische Perfektion des Musikers.
In dem darauffolgenden Interview erklärte Herr Hosokawa die Inspirationsquellen seiner Stücke: Die Kalligraphie der Töne. Der ganze Saal ist für ihn ein weißes Blatt und darauf werden durch ein Instrument durch Töne Striche gezeichnet. Dabei ist es wichtig, dass der Ton nicht abbricht und dass zwischen dem beschrifteten Teil des Blattes und dem leeren Teil des Blattes eine Balance besteht. Anhand der Kalligraphien, die auf der Bühne aufgestellt wurden, konnten sich die Schülerinnen und Schüler dies auch besser vorstellen.
Auch Aufbau und Melodielinien des folgenden Stückes – Sakura – wurden im Interview erläutert. Die Sho erzeugte sanfte, mehrstimmige Klänge, die eine Art Klangteppich erzeugten. Die
ursprüngliche Melodie des Stückes war gut zu erkennen, jedoch gab es moderne Bausteine, die die Handschrift des Komponisten erkennen ließen. Man konnte auch die Linien der Töne erkennen, die wie Pinselstriche auf weißem Papier klangen.
Anschließend folgte die Vorstellung der zentralen Instrumente. Dadurch, dass beide Instrumente bereits solo zu hören waren, konnten sich die Schüler und Schülerinnen den Klang und das Register der beiden Instrumente gut vorstellen. Es wäre noch besser gewesen, wenn beide Instrumente Passagen oder Elemente des Stückes noch einmal gespielt hätten. Die Genese der beiden Instrumente wurde ebenfalls erläutert. Dadurch wurden noch einmal die unterschiedlichen Kulturkreise und Epochen, denen die Instrumente entstammen, hervorgehoben. Es gab auch eine Interaktion mit dem Publikum mit der Frage: “Wer hat das Saxophon erfunden?”. Es gab mehrere Schüler, die sich meldeten, und die Stimmung im Saal wurde dadurch deutlich aufgelockert.
Die Kombination zweier Instrumente aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Epochen mit verschiedenen musikalischen Traditionen war auch ein wichtiger Bestandteil des Lehrkonzerts. Herr Hosokawa schrieb für diese beiden Instrumente ein Stuck: „明暗“, auf Deutsch Licht und Schatten. Als Inspiration dienten dabei „Yin und Yang“. Dieses Prinzip stammt aus der chinesischen Philosophie und ist bezogen auf duale Kräfte oder Prinzipien, die sich nicht bekämpfen, sondern ergänzen sollen. Dies wurde musikalisch in diesem zwölfminütigen Stück erfahrbar: Saxophon und Sho wechseln sich gegenseitig ab. Mal war das Saxophon lauter, mal die Sho. Es war jedoch schwer zu erkennen, wer gerade die Melodie spielte oder ob es überhaupt eine Melodie gab.
Die Veranstaltung endete mit der Fragen- und Antwortrunde. Es gab mehrere Fragen, aber nur von den Schülern aus der elften Klasse. Durch die Fragen der Schüler wurde deutlich, dass sie Interesse an zeitgenössischer Musik bekommen haben. Es gab zum Beispiel eine Frage, wo man die Musik von Herrn Hosokawa hören kann, oder ob er auch Noten herausgebracht habe.
Insgesamt gesehen war das Lehrkonzert also ein voller Erfolg. Jedoch hatte das Thema des Lehrkonzert durch die zeitliche Nähe zum Weihnachtskonzert nichts mit den Themen zu tun, die wir im Musikunterricht behandelt haben. Zeitgenössische Musik spielte dort bislang keine nennenswerte Rolle. Die Schüler hätten bei entsprechender Vor- und Nachbereitung noch mehr von diesem ausgezeichneten Konzert profitieren können.
Tomoe Scharloth, Klasse 10a

Von links nach rechts:
Toshio Hosokawa, Christina Reiß, Mayumi Miyata, Klaas Ullmann, Masanori Oishi








