Zeitzeugengespräch mit Andrei Iwanowitsch

Anlässlich des internationalen Gedenktages an die Opfer des Holocausts erhielten die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse der Deutschen Schule Tokyo Yokohama die einzigartige Gelegenheit, mit dem 98-jährigen Holocaust-Überlebenden Andrei Iwanowitsch ins Gespräch zu kommen.

Zur Vorbereitung auf dieses besondere Treffen wurden zahlreiche Fragen erarbeitet und der Film “Ja, Andrei Iwanowitsch” angesehen, der bereits faszinierende Einblicke in das Leben des einstigen sowjetischen Zwangsarbeiters bot – sowohl in seine Vergangenheit als auch in sein heutiges Dasein.

Begleitet wurde Iwanowitsch auf seiner Reise nach Japan von seinem Dolmetscher Hannes, dem Kameramann Viktor und seinem langjährigen Freund Fabian.

Nachdem sich alle im Raum eingefunden hatten, begann die offene Fragerunde. Besonders im Fokus standen Fragen zu seiner Zeit im Konzentrationslager Buchenwald und den Jahren danach, aber auch aktuelle weltanschauliche Themen wurden angesprochen.

Trotz der Sprachbarriere war von Anfang an spürbar, wie sehr Iwanowitsch das Erzählen liebte. In seinen ausführlichen Schilderungen nahm er die Zuhörenden mit auf eine Reise durch seine Erinnerungen. Auch wenn nicht jede Frage ihn erreichte oder er gelegentlich abschweifte, beantwortete er geduldig sowohl einfache als auch tiefgehende Fragen – stets mit dem spürbaren Wunsch, den jungen Menschen so viel wie möglich mit auf den Weg zu geben.

Besonders am Herzen lag ihm die Botschaft, niemals aufzuhören zu lernen. Er betonte mehrfach, dass Wissen ein lebenslanger Prozess sei und der Punkt des Allwissenden nie erreicht werden könne. Selbst lernt er momentan ebenfalls eine neue Sprache, Deutsch, und bildet sich trotz seines fortgeschrittenen Alters fleißig immer weiter. 

Der Eindruck, den Andrei Iwanowitsch bei den Schülerinnen und Schülern allgemein hinterließ, war tiefgehend. Viele empfanden es als inspirierend, wie ein Mensch, der in seinem Leben so viel Grauen ertragen musste, dennoch eine bemerkenswerte Zuversicht bewahrte. In all seinen bewegenden Erlebnissen fand er nicht nur etwas Positives, sondern auch wertvolle Lehren, die bis in die Gegenwart von Bedeutung sind. Sein Auftreten und die Art, wie er sprach, strahlten eine tiefe Weisheit aus und fesselten die Zuhörenden. Neben seinen Erinnerungen an die Vergangenheit teilte er auch Einblicke in sein heutiges Leben. Während seiner Reise durch Japan besuchte er mit seinen Freunden verschiedene Orte und stellte sich neuen Herausforderungen – darunter sogar das beliebte Karaoke-Singen. Diese Offenheit für neue Erlebnisse unterstreicht seine fast kindliche Neugier, wie es sein Dolmetscher Hannes treffend ausdrückte. Seine lebensfrohe Art beeindruckte alle zutiefst. Andrei Iwanowitsch ist im Herzen jung geblieben – ein Mensch, dessen Optimismus und Wissbegierde ansteckend wirken.

Nach eineinhalb Stunden lebhaften und unvergesslichen Darstellungen verließen die Schülerinnen und Schüler den Raum nachdenklich, inspiriert von den bewegenden Worten eines Mannes, der die dunkelsten Kapitel der Geschichte selbst erlebt hatte.

Alles in allem war dieses Gespräch von unschätzbarem Wert für alle Anwesenden – ein eindrucksvoller Appell an die Bedeutung von Erinnerung, Bildung und Menschlichkeit.

Mia Frömer (Klasse 10)